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Wie der Santiglaus zu seiner Geschichte kam

Vor gar nicht soo langer Zeit wohnte in einem tiefen Wald ein netter Mann namens Santi. Er war gross, hager und hatte einen langen Eremitenbart. Wenn’s im Winter früh eindunkelte und im tiefen Wald still war, hatte Santi immerzu das unzähmbare Bedürfnis, Kindern eine Freude zu machen. Er füllte Mandarinen und Nüsse in kleine Säckchen, um sie den Kindern zu verteilen. In der Dämmerung nach getaner Arbeit zog er seinen langen Mantel an und machte sich auf den Weg zu Spielplätzen in den umliegenden Dörfern. Santi näherte sich scheu den spielenden Kindern, öffnete seinen Mantel und versuchte die Säckchen mit Mandarinen und Nüssen herauszunehmen, um sie den Kindern zu schenken. Leider kam es nie dazu. Denn immer waren sehr schnell besorgte Eltern zur Stelle, die ihn beschimpften und zum Teufel jagten. Santi wusste nicht, wie ihm geschah, trottete mit hängendem Kopf zurück in seine Waldhütte und war furchtbar traurig.

Eines Abends klopfte es an seiner Tür. Santi öffnete mit rot verweinten Augen. Vor der Tür stand ein etwas schräg aussehender, tätowierter Typ, ebenfalls mit langem Bart und langen Haaren, die er zu einem Dutt zusammengebunden hatte, starkem Männerparfüm und geschmacklosem Hawaiihemd. Eigentlich hatte Santi ja keine Lust auf Besuch, aber da er nun mal eine Menge Mandarinen und Nüsse übrighatte und grad einen Topf Glühwein gemacht hatte, dachte er: Warum nicht.

Der Fremde stellte sich vor, Gestatten, Schmutzli, und fragte Santi, warum er so traurig sei. Santi berichtete, was ihm widerfahren war. Schmutzli hörte ihm genau zu, überlegte dann eine Weile und sagte: Alter, du hast ein Imageproblem. Aber keine Sorge. Ich kann dir helfen.

Als erstes brauchen wir eine gute Story. Und einen Namen. Und dann müssen wir schauen, ob du eigentlich das richtige Marketing hast. Erstmal der Name: Mir fällt da ein Heiliger ein, der stammt aus der Türkei. St. Nikolaus heisst der, der verschenkte sein ganzes Hab und Gut an Bedürftige. Das ist ein guter Anfang. Aber du kommst nicht aus der Türkei, sondern du wohnst am Nordpol oder im Schwarzwald. So genau weiss das niemand. Du kommst genau einmal im Jahr – das macht’s interessanter. Vielleicht brauchst du auch ein besseres Kostüm. Was Rotes, so eher ein Umhang. Und einen Bauch brauchst du. Das wirkt gemütlich und weckt Vertrauen. Und du hast einen grossen Sack, darin sind die ganzen Mandarinen und Nüsse. Die transportierst du auf einem Esel. Tiere sind immer gut. Hm. Ja, das könnte funktionieren.

Und weil Santi eh grad nichts Besseres zu tun hatte und das Ganze, vor allem nach dem Topf Glühwein, wie eine furchtbar gute Idee klang, stand der Plan fest.

Der frisch gebackene St. Nikolaus machte sich am vereinbarten Tag, am 6. Dezember, auf den Weg. Inzwischen hatte Schmutzli natürlich kräftig die Werbetrommel gerührt und die mysteriöse Geschichte eines Heiligen erzählt, der am 6. Dezember mit seiner Glocke durchs Dorf ziehen und den Kindern Mandarinen und Nüsse bringen würde. Das fanden alle prima, und auch wenn sie es nicht recht glauben konnten, spitzten sie am Abend des 6. Dezembers dennoch die Ohren. Und sie staunten nicht schlecht, als sie plötzlich ein feines Bimmeln im Schneetreiben vernahmen.

Das Ganze sprach sich schnell über die Dorfgrenzen hinaus rum. Die Leute fanden die Story genial. Alle wollten St. Nikolaus in ihren Häusern willkommen heissen. Bald war es so weit, dass Santi den 6. Dezember zu fürchten begann. Schon Tage vorher kamen Lastwagen im Wald an, die ihm Berge von Mandarinen und Nüssen lieferten. Am Abend selbst war Santi dann dermassen im Stress, dass er kaum mehr mit den Kindern sprechen konnte. Er musste immer gleich weiter ins nächste Haus. Meist reichte es grad noch für einen Schluck Glühwein, aber das führte bloss dazu, dass er am Ende des Abends jeweils total betrunken war, weil er in so vielen Häusern so viele Gläser hatte leeren müssen. Santi war völlig fertig. Seine Haare und sein Bart waren vor lauter Stress schon weiss geworden.

Schmutzli konnte sich das nicht länger mitansehen. Das hatte er nicht gewollt. Und auch wenn er mittlerweile auch immer mitging und nach Kräften half, die Adressen rauszufinden und den Sack zu tragen, es ging nicht mehr. Doch wieder hatte er eine grossartige Idee.

Santi, lass uns franchisen. Fran-was? Na, franchisen. Wir werben andere Leute an, dass sie sich als du verkleiden und zu den Kindern gehen. Dann können wir ein viel grösseres Einzugsgebiet abdecken und viel mehr Haushalte beliefern!

Gesagt, getan. Und damit die Vertreter auch Erfolg haben konnten, wurden nun Kinderlieder komponiert und verbreitet, Filme gedreht, Merchandising verkauft. Die St. Nikolaus-Kostüme fanden reissenden Absatz – roter Umhang, weisser Rauschebart.

St. Nikolaus hatte bald so grossen Erfolg, dass Santi und Schmutzli sich einen dicken Schlitten mit fliegenden Rentieren leisten konnten. Der letzte Schrei. Damit flogen sie in der Nacht vom 6. Dezember durch die Nacht. Auf Kinder beliefern hatte Santi gar nicht mehr so viel Bock. Kein Problem aber. Denn mittlerweile rissen sich die Leute drum, St. Nikolaus zu spielen, und Santi und Schmutzli machten ein Heidengeschäft mit den St. Nikolaus-Paraphernalia, sogar ein Sponsoring-Vertrag von Coca Cola schaute dabei heraus.

Sie kauften sich eine schöne Insel und zogen in die Karibik. Dort lassen Santi und Schmutzli sich heute noch die Sonne auf den Pelz brennen und trinken Piña Coladas. Hin und wieder besuchen sie andere Inseln und verteilen Ananas und andere leckere Sachen an Kinder. In einem schicken Boot, das von Delfinen gezogen wird. Ende gut, alles gut.